1670 · Martin Henriquez von Strevesdorff: »Archidioeceseos Coloniensis descriptio historica«, Auszug
Archi|diœceseos | Colonien|sis | descriptio | historica. | Authore Martino Henriquez à Strevesdorf1, | Com[ite] Pal[atino] Caes[aris]que Capitaneo, jam ejusdem Archidioeceseos Receptore Generali. | Auctior editio & secunda. | Coloniæ Agrippinæ, | Sumptibus viduæ Ioannis Portz, & hæredum Clemens, apud Tesseræ portam sub Semilunio, [1670]2
Historische Beschreibung der Erzdiözese Köln, verfasst von Martin Henriquez von Strevesdorf, kaiserlichem Pfalzgrafen und Hauptmann, nunmehr Generaleinnehmer derselben Erzdiözese.
Zweite, vermehrte Ausgabe. Köln, auf Kosten der Witwe des Johann Portz und der Erben Clemens, an der Würfelpforte, im Haus »Zum Halbmond«.
Status IIII. · Ordo civitatum
III. Bonna
Die Übersetzung ist eine möglichst wortnahe Prosafassung; Ergänzungen zum Verständnis stehen in eckigen Klammern, unsichere Stellen sind mit [?] markiert.
Electoralis, Bonna, est primaria Sedes,
Archidioecesis, Cancellaria suprema,
Consilium, Archivum, Rectoratusque triumphat,
Iustitia usque Reo, Viduis patet atque Pupillis.
Vrbs etiam dicta est veterana Voconia, quae post
A Comite Hochstedio Conrado Antistite [1240]3 cincta est
Moenibus et foveis, ornataque Turribus altis.
Vrbis habet claves, gestans pro tempore fasces
De more antiquo longoque a tempore consul.
Romani Bonnam quondam bona castra vocarunt,
Nempe Bonas illic quoniam sibi figere Sedes
Est visum, testante chrono, nam plurima tali
Non modo parte rubet bene sano Vinea Baccho,
At quoque frugiferas circum protuberat Arvum,
Immensique supra per binas circiter horas
Clauduntur montes, qui ad Rheni littus utrumque <81>
Hanc e Teutonia ferme ducuntur ad Vrbem.
Bonn ist der kurfürstliche Hauptsitz der Erzdiözese; hier prangen die oberste Kanzlei, der Rat, das Archiv und die Regierung, und die Rechtsprechung steht dem Angeklagten ebenso offen wie den Witwen und Waisen. Die Stadt wurde auch das alte Voconia genannt; später wurde sie von Bischof Konrad, Graf von Hochstaden, mit Mauern und Gräben umgeben und mit hohen Türmen geschmückt. Die Schlüssel der Stadt verwahrt nach altem, seit langer Zeit geübtem Brauch der Bürgermeister, der für die Dauer seines Amtes die Rutenbündel trägt. Die Römer nannten Bonn einst »bona castra« (»gutes Lager«), weil es ihnen – wie die Chronik bezeugt – gut schien, dort ihren Sitz zu nehmen. Denn in dieser Gegend rötet sich nicht nur reichlich der Weinberg mit bekömmlichem Wein, sondern ringsum breitet sich auch fruchtbares Ackerland aus. Stromaufwärts, etwa zwei Wegstunden entfernt, schließen gewaltige Berge die Landschaft ein, die sich an beiden Ufern des Rheins aus dem deutschen Land beinahe bis an diese Stadt heranziehen.
Ante Verona fuit, facto qua nota sequenti:
Herculeus [248]4 bellum dum Maximianus & arma
Gestaret, stricto Carausius Ense Tyrannum
Vt ruat, in Magnum qui Caesara nuper iniqua
Diocletianum suscepit praelia, iamque
Regna Britannorum sibi subjecisset, & olli
Ex Syria, Ægypto, Solymis, Orienteque dictus
Caesar Thebanam Legionem {robore pollens
Agmen erat} quae sexcentis sex millibus, & sex
Et Sexaginta, numero, constabat, ad imum
Rheni littus, opem latum submitteret, ante
Emundata sacra sacri baptismatis unda
Quae legio dederat vero sua nomina Christo
Praefatus capitis sub poena Maximianus,
Pro fortunatis belli successibus huius,
Quod per Teutonicos tractus Francosque parabat
Ad Rhodanum iuxta Martinack5 nomine, pagum
Idolo martis votivos thuris odores,
Sacrificosque ignes adoleri jussit ad aras.
Ast quia Christicoli Ductores agminis, illi
Mallusius, Victor, Gereon, Florentius ibant
Cassius atque Pius, tam falso sacra negarent,
Thura Deo, gressusque suos procul inde tulissent,
Ad profligandum coniunctis viribus Hostem,
Tum sacra insidias legioni struxit, et idem
Maximianus atrox posuit stratagema suoque
Cum Duce Mauritio penes Agaun6 stravit eandem
Ex toto ferme, qui nunc locus obtinet ipsam
Sancti Mauritii nomen, quia Martyr ibidem.
Früher hieß sie Verona, und unter diesem Namen wurde sie durch folgendes Ereignis bekannt: Maximian Herculius führte Krieg und zog mit gezücktem Schwert gegen den Usurpator Carausius, um ihn zu stürzen – jenen, der kurz zuvor ungerechte Kämpfe gegen den großen Kaiser Diokletian begonnen und sich schon die Reiche der Briten unterworfen hatte. Da schickte ihm der genannte Kaiser aus Syrien, Ägypten, Jerusalem und dem Orient die Thebäische Legion – eine an Kraft mächtige Truppe von 6666 Mann – an den Niederrhein zu Hilfe; eine Legion, die sich zuvor, gereinigt durch das heilige Wasser der Taufe, dem wahren Christus verschrieben hatte. Der genannte Maximian aber befahl bei Todesstrafe, zum glücklichen Gelingen dieses Krieges, den er durch die deutschen Lande und gegen die Franken vorbereitete, an der Rhône bei dem Dorf namens Martinach dem Götzenbild des Mars an den Altären Weihrauch und Opferfeuer darzubringen. Weil aber die christlichen Anführer der Truppe – es waren Mallosius, Viktor, Gereon, Florentius, Cassius und Pius [?] – einem so falschen Gott Opfer und Weihrauch verweigerten und ihre Schritte weit von dort weggelenkt hatten, um mit vereinten Kräften den [eigentlichen] Feind niederzuwerfen, stellte der grausame Maximian der heiligen Legion einen Hinterhalt, ersann eine Kriegslist und machte sie samt ihrem Anführer Mauritius bei Agaunum fast vollständig nieder. Der Ort trägt heute den Namen des heiligen Mauritius, weil er dort den Märtyrertod erlitt.
Ast aliquot cum de sacra Legione cohortes
{Christicolumque simul quaedam vexilla} deorsum
Longius ad Rhenum cessissent usque Veronam,
Bonnam, Agrippinam, & Xanthos, sua seque tuentes,
Insidiator eas stricto est mucrone secutus, <82>
Et turmis aliis alio cedentibus, ipso
In stadio Divum Gereonem forte trecentis
Octodecim sociis comitatum coepit Agrippae,
Sanctum Victorem triginta cumque trecentis
Militibus Christi Xanthorum pressit ad urbem,
Cassius at Bonnae simul ac Florentius una
Cum sociis laevum Rheni prope littus, aperto
Ore fidem Christi testantes sanguine fuso
Martyrij insignem meruere referre coronam;
In quorum aeterni firmum munimen honoris,
Diva Helena Imperii Regina, Decusque Parensque
Primi Christiadum divino Caesaris oestro
Constantini, alma fides quoque nobilis auctrix,
Caetera Templa [316] inter prope Rheni flumina Bonna,
Instinctu Divum mota est fundare sacratum
Collegium, multis quae nunc Ecclesia praero-
Gativis gaudet; communem namque quotannis
Mercatum celebrat, quin & pro tempore servat
Praepositum, multa supremum munus, & Archia-
Diaconalis adest cui Iurisdictio terrae.
Als aber einige Kohorten der heiligen Legion – und mit ihnen einige Feldzeichen der Christen – weiter rheinabwärts bis nach Verona, also Bonn, nach Köln und nach Xanten ausgewichen waren, um sich und das Ihre zu schützen, verfolgte sie der heimtückische Feind mit gezücktem Schwert. Während die einzelnen Abteilungen hierhin und dorthin auswichen, ergriff er in Köln gerade auf dem Kampfplatz den heiligen Gereon mit seinem Gefolge von 318 Gefährten; den heiligen Viktor mit 330 Streitern Christi bedrängte er bei der Stadt Xanten. Cassius und Florentius aber erwarben zu Bonn zusammen mit ihren Gefährten nahe dem linken Rheinufer, indem sie offen den Glauben an Christus bekannten und ihr Blut vergossen, die herrliche Krone des Martyriums. Zum festen Hort ihrer ewigen Ehre wurde die heilige Helena – Kaiserin des Reiches, Zierde und Mutter Konstantins, des ersten christlichen Kaisers, voll göttlicher Begeisterung und edle Förderin des segensreichen Glaubens – neben anderen Kirchen am Rhein durch göttliche Eingebung bewogen, in Bonn ein geweihtes Stift zu gründen. Diese Kirche genießt heute viele Vorrechte: Sie hält jährlich einen allgemeinen Markt ab und hat jeweils einen Propst, ein in vieler Hinsicht höchstes Amt, dem auch die archidiakonale Gerichtsbarkeit über das Land zusteht.
Hic locus illustres ambit complexibus Arces,
Oppida, Nobilium Sedes & Fana, Domusque,
Quae supra atque infra circum lustrantur in uno
Prospectu, dictae jacet Vrbis moenia praeter,
Nobile collegium, vulgo Diekircha7, vocatum,
E regione autem trans Rhenum bina videntur
Collegia injuncto nigrum cognomine Reindorff8,
Vilichiumque aliud, quod Vilike diximus olim,
Quorum postremum Mengosus Gelriae in altum
Zutphaniaeque Comes duxit [985] Girbirgaque conjux
Eius, idemque bonis testamentalibus, amplo
Legato Agrorum, Argenti donavit et Auri,
In quo Gnatabus socijs {quas inter & una
Sancta Adelheidis erat} tumulatus uterque quiescit,
Vt tumuli monumenta ferunt in marmore; nempe <83>
Vilichij Extructor jacet hac Mengosus in Urna.
Hoc latus occasum versus {via perbrevis} ornant
Mons Crucis9, & pulchrum supremo in vertice templo.
Cum Servitarum Claustro, quod struxit in altum
Archipater, Bavarum Dux Ferdinandus Honori
Septem Virgineae Matris Divaeque Dolorum,
In quo miraclis celebris servatur Imago,
Copiae & haec divi Lucae est, quam pinxit, & illa
Monstratur, longe circumque jacentibus, inde
Qui crebro e Patrijs rara pietatis amore
{Rarum opus est etenim} sacra huc vexilla reponunt
Cum Genitrice colunt votis precibusque Tonantem.
Dieser Ort umfasst in seinem Umkreis berühmte Burgen, Städtchen, Adelssitze, Heiligtümer und Häuser, die man stromauf und stromab ringsum mit einem einzigen Blick überschaut. Außerhalb der Mauern der genannten Stadt liegt das adlige Stift, gemeinhin Dietkirchen genannt. Gegenüber aber, jenseits des Rheins, sieht man zwei Stifte: Rheindorf mit dem Beinamen »Schwarz« und das andere, Vilich, das wir einst Vilike nannten. Das letztere errichteten Megingoz, Graf von Geldern und Zutphen, und seine Gemahlin Gerberga; sie statteten es durch Testament mit einem reichen Vermächtnis an Äckern, Silber und Gold aus. Dort ruhen beide begraben, zusammen mit ihren Töchtern – unter ihnen auch die heilige Adelheid –, wie es die Grabinschrift in Marmor bezeugt: »In dieser Urne ruht Megingoz, der Erbauer Vilichs.« Diese Seite gegen Westen – nur einen ganz kurzen Weg entfernt – zieren der Kreuzberg und auf seinem Gipfel eine schöne Kirche samt dem Servitenkloster, das Erzbischof Ferdinand, Herzog von Bayern, zur Ehre der Sieben Schmerzen der jungfräulichen Gottesmutter errichten ließ. Darin wird ein durch Wunder berühmtes Bild bewahrt, eine Kopie jenes Bildes, das der heilige Lukas gemalt hat. Es wird den Menschen gezeigt, die weit und breit ringsum wohnen und von dort häufig aus ihren Heimatorten in seltener frommer Liebe – es ist nämlich ein seltenes Werk – ihre heiligen Prozessionsfahnen hierher bringen und mit Gelübden und Gebeten den Herrn des Himmels samt seiner Mutter verehren.
Hunc infra montem Poppelsdorff cernitur, ipso
Tempore Romulidum, sic affirmantibus aevi
Illius historicis, qui pagus nomine dictus
Publij, ut & Transdorff Trajani pagus, & huius
Oppida plura modi, Satrapatibus insita binis
Et Bonnae & Brulae titulos sunt nacta suorum
Voce Ducum, a ducibusque suis jam nomina servant.
Unterhalb dieses Berges sieht man Poppelsdorf, das schon zur Zeit der Römer – so versichern es die Geschichtsschreiber jener Zeit – als Dorf des Publius bezeichnet wurde, so wie Dransdorf das Dorf des Trajan war. Und mehrere Orte dieser Art, die in den beiden Ämtern Bonn und Brühl liegen, haben ihre Namen nach ihren Heerführern erhalten und bewahren diese Namen bis heute.
Has penes Oppidulum Poppelsdorff floribus hortus
Æmulus Hesperijs Electorale viretum
Suspicitur; sursum spatio fors unius horae
Gudesberg surgit, cuius superindita clivo
Arx, Turrisque iacent iam demolita, locoque
Creditur hoc falsi fanum sedemque fuisse
Mercurij, cuius qua sub Gentilibus Arae
Victima caesa frequens, hoc Montis & huius Origo
Mercurij Burgum, Gotzberg quasi nomine fluxit.
Bei dem Städtchen Poppelsdorf bewundert man den kurfürstlichen Garten, der mit seinen Blumen den Gärten der Hesperiden nacheifert. Stromaufwärts, etwa eine Wegstunde entfernt, erhebt sich Godesberg; die auf seinem Hang errichtete Burg und ihr Turm liegen jetzt zerstört darnieder. An dieser Stelle soll ein Heiligtum und Sitz des falschen Gottes Merkur gewesen sein, auf dessen Altären bei den Heiden häufig Opfertiere geschlachtet wurden. Daher stamme der Ursprung dieses Berges und sein Name »Mercurii Burgum«, gleichsam »Götzberg«.
Imperii primo Theodorus Episcopus anno,
Congesti multis Iudaeum millibus auri
Argentique gravem tenebroso carcere clausit,
Compedibusque pedes, & duris terga catenis
Nexuit, & iustis propter male tanta lucrati
Pondera thesauri poenis multavit eundem,
E qua nummorum summi {est firmissimus Atlas} <84>
Mercurij Burgum sublimi in vertice, Bonnae
Vltra dimidium munitam condidit arcem,
Qua Michaelis erat prius isto in monte sacellum,
Sed post suffossa est arx haec, ut diximus, [1585]10 acri
Impete, & in rapidas acta igne vorante favillas.
Omnigenos quoniam fugitiva plebis Alumnos
Sustentabat, erat specus, hospitiumque latronum.
Im ersten Jahr seiner Regierung ließ Bischof Dietrich einen Juden, der mit vielen Tausenden angehäuften Goldes und Silbers beladen war, in einen finsteren Kerker werfen, ihm die Füße in Fesseln und den Rücken in harte Ketten legen, und er belegte ihn mit gerechter Strafe, weil er so große Schätze auf üble Weise erworben habe. Aus dieser Geldsumme – sie ist der festeste Atlas [des Baues] – errichtete er auf dem hohen Gipfel, gut eine halbe [Meile?] von Bonn entfernt, die befestigte Burg »Mercurii Burgum«, an der Stelle, wo zuvor auf diesem Berg eine Michaelskapelle gestanden hatte. Später aber wurde diese Burg, wie gesagt, in heftigem Ansturm unterminiert und vom verzehrenden Feuer in fliegende Asche verwandelt; denn weil sie flüchtiges Volk aller Art beherbergte, war sie eine Höhle und Herberge von Räubern geworden.
Regredior Bonnam, bina gaudente corona,
Cum post Henricum, Fridericus, nempe secundus
Austriacus Princeps, occisi filius olim
Caesaris [1315] Alberti iusto pro Caesare lectus;
Mox Vbiae Henricus de Virnburg Praesul, eundem
Bonnae in Sede sua, Imperij diademate [1315]11 cinxit.
Ich kehre nach Bonn zurück, das sich zweier Krönungen rühmt. Als nach Heinrich [VII.] Friedrich, nämlich der zweite österreichische Fürst [auf dem Thron?], Sohn des einst ermordeten Kaisers Albrecht, rechtmäßig zum Kaiser gewählt worden war, krönte ihn bald darauf Heinrich von Virneburg, Erzbischof der Ubier [= von Köln], an seinem Sitz in Bonn mit dem Diadem des Reiches.
Vrbis honos rursum non longo a tempore, quando
Walramo, Comitum Iuliae de stemmate nato,
Jure in utroque Viro fundato a Praesule, Caesar
Lutzenburgensis Carolus12, cognomine Quartus,
Insigniretur [1347] Bonnae & diademate Regis,
Augusti Imperij, quod Caesar uterque secutus.
Die gleiche Ehre wurde der Stadt nicht lange danach erneut zuteil, als Kaiser Karl aus dem Haus Luxemburg, genannt der Vierte, von Erzbischof Walram – einem Spross aus dem Geschlecht der Grafen von Jülich und in beiden Rechten wohlbegründeten Mann – in Bonn mit dem Diadem des Königs des erhabenen Reiches ausgezeichnet wurde; diesem [Brauch?] folgten beide Herrscher.
Bella quidem taceo: Martinus Schenkius13, ille
Transfugus Hispano Ductor stratagemata fecit,
Per fraudem ingressus Batavo cum milite, verum
Mox Ernesteis vexillis ostia pandit,
Et sic Ernestus Bavarus sine sanguine Bonnam
Occupat, ut Caroli Magni fulgebat olympi
Festus ab axe dies, Magno sic Rege iubente:
Huius enim meritis lapsi post fulmina belli
Bonna reviviscit fraudum iuga pessima spernens,
Subijcit Ernesto Bavaro se tota, perosa
Frena nova, ut Iani vicesima nonaque luxit,
Et iam transierant [1548 sic]14 ter saecula quinque salutis,
Quattuor & messes, octoque decennia phoebo.
Vrbs vere felix! De bello tempore pacis
Perpendens, rursum Bonnae bona castra locantur
Et vere insignis iam Fortificatio surgit.
Von den Kriegen schweige ich freilich: Martin Schenk, jener vom Spanier abtrünnige Heerführer, verübte seine Kriegslisten und drang mit holländischen Soldaten durch Betrug [in die Stadt] ein; doch bald öffnet [die Stadt] den Fahnen Ernsts die Tore, und so nimmt Ernst von Bayern Bonn ohne Blutvergießen ein, als vom Himmel der Festtag Karls des Großen erstrahlte – so wollte es der große König. Denn durch dessen Verdienste lebt Bonn nach den Blitzen des vergangenen Krieges wieder auf, verschmäht das üble Joch des Betrugs und unterwirft sich ganz Ernst von Bayern, voll Abscheu vor der neuen Herrschaft, als der 29. Januar anbrach und seit [Christi] Heil schon dreimal fünf Jahrhunderte, vier Ernten und acht Jahrzehnte im Lauf der Sonne vergangen waren [= 1584]. Wahrhaft glückliche Stadt! Weil man in Friedenszeiten an den Krieg denkt, wird in Bonn wieder ein »gutes Lager« angelegt, und schon erhebt sich eine wahrhaft ansehnliche Befestigung.
Quod superest laudis, de Bonna haec Vrbe leguntur <85>
Carmina, quae subdo, cecinitque probabilis author:
Was an Lob noch übrig bleibt: Über die Stadt Bonn liest man folgende Verse, die ich hier anfüge und die ein glaubwürdiger Verfasser gedichtet hat:
Bonna Solum felix, celebris locus, inclyta tellus,
Florida martyrio, terra sacrata Deo.
Exulibus requies, & Asylon mite fuisti
Semper, & externi te reperere suam,
Principibus Sedes hinc Electoribus illa est,
Iustitiae Patribus, qua Themis ista viget.
Bonn, glücklicher Boden, berühmter Ort, ruhmreiches Land, blühend durch das Martyrium, Gott geweihte Erde! Den Verbannten warst du stets Ruhe und mildes Asyl, und die Fremden fanden in dir eine Heimat. Darum ist diese Stadt der Sitz der Kurfürsten und der Väter der Gerechtigkeit, wo Themis hier in Blüte steht.
Literaturverzeichnis
Felten, W. (1910). Der rheinische Geschichtsschreiber Martin Henriquez von Strevesdorff. Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein (AHVN) 89, S. 62 ff.
Oidtman, E. von (1915). Martin Henriquez von Strevesdorff und seine Descriptio Coloniensis. AHVN 97, S. 111 ff.
Strevesdorf, M. H. von (1670). Archidioeceseos Coloniensis descriptio historica, 2. Aufl. Köln: Portz.
Strevesdorf, M. H. von (1740). Archidioeceseos Coloniensis descriptio historica, 3. Aufl. Köln: Steinhaus.
Anmerkungen
- Martin Henriquez (Heinrichs) von Strevesdorf[f], * um 1620, † 1679, mit portugiesischen und spanischen Vorfahren, Kölner Geschäftsmann und Geschichtsschreiber. ↩
- Strevesdorf 1670, S. 80 ff. Digitalisate: UB Paderborn, urn:nbn:de:hbz:466:1-12065; USB Köln, 2. Auflage 1670. Erste Auflage 1662: USB Köln, digital.ub.uni-koeln.de. ↩
- Die Jahresangaben stehen in der Vorlage in den Fußnoten; sie sind hier in eckigen Klammern in den Text eingefügt. Geschweifte Klammern {…} geben runde Klammern der Vorlage wieder. ↩
- Die Jahreszahl 248 ist irrig: Maximian (»Herculius«) wurde erst 285/286 Mitregent Diokletians; die Usurpation des Carausius in Britannien begann 286. Das Martyrium der Thebäischen Legion wird in der Überlieferung in diese Zeit gesetzt. ↩
- Heute Martigny im Kanton Wallis. ↩
- Agaunum, heute Saint-Maurice im Kanton Wallis. ↩
- Dietkirchen. ↩
- Schwarzrheindorf. ↩
- Kreuzberg. ↩
- Strevesdorffs Jahresangabe 1585 ist irrig: Die Godesburg wurde am 17. Dezember 1583 von den katholischen Belagerern gesprengt und erobert. ↩
- Friedrich der Schöne von Österreich wurde nach der Doppelwahl von 1314 am 25. November 1314 in Bonn von Erzbischof Heinrich II. von Virneburg gekrönt; Strevesdorffs 1315 ist ungenau. ↩
- Karl IV. (* 14. Mai 1316 in Prag; † 29. November 1378 ebenda), römisch-deutscher König ab 1346, König von Böhmen ab 1347, Kaiser ab 1355. Die Krönung durch Erzbischof Walram von Jülich in Bonn fand am 26. November 1346 statt, nicht 1347. ↩
- Martin Schenk von Nideggen, niederländisch Maarten Schenk van Nydeggen (* um 1540 in Goch; † 10. August 1589 bei Nimwegen), Herr von Afferden und Blijenbeek, Heerführer zunächst in spanischem, später in niederländischem Dienst. In der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1587 überrumpelte er Bonn; die Stadt kam erst 1588 nach einer Belagerung wieder an Kurfürst Ernst. ↩
- Die Fußnote der Vorlage nennt 1548 – ein Zahlendreher: »ter saecula quinque« (3 × 5 Jahrhunderte = 1500) + »quattuor messes« (4) + »octo decennia« (80) ergeben 1584. Gemeint ist die kampflose Übergabe Bonns an Ernst von Bayern Ende Januar 1584 (Karlsfest am 28. Januar, »Iani vicesima nona«). Strevesdorff verschmilzt hier offenbar diese Übergabe mit Schencks Handstreich von 1587. ↩