1803 – Armand-Gaston Camus: Reise in die neu vereinigten Departements1

Reise in die neu vereinigten Departements | und in die Departements Bas-Rhin, Nord, Pas-de-Calais und Somme am Ende des Jahres X | von A[rmand]-G[aston] Camus, Mitglied des Nationalinstituts usw. | Band I | Paris, Baudouin, Drucker des Nationalinstituts, Rue de Grenelle-Saint-Germain Nr. 1131 | Ventôse Jahr XI [Februar/März 1803]2

→ Texte original français

67 Bonn ist im Hinblick auf den Handel nicht glücklicher als Koblenz; in der einen dieser Städte herrscht nicht mehr Regsamkeit als in der anderen. Der Tod ihrer Kurfürsten3 68 hat sie um die Hälfte ihres Lebens gebracht. Doch Bonn hat vor Koblenz einen ersten Vorzug, der aus der Errichtung der Zentralschule herrührt, die an die Stelle der Universität dieser Stadt getreten ist. Ich habe gesagt4, dass sie berühmt war. Daher Professoren von anerkanntem Verdienst: Crevelt für die Naturgeschichte, Wegeler für die Geburtshilfe, Fischenich für die Gesetzgebung; andere ehemalige Professoren sind nach Köln gegangen. Daher auch öffentliche Einrichtungen, unter anderem ein botanischer Garten, der anmutigst bepflanzte, den ich gesehen habe. Crevelt hat ihn angelegt und führt die Aufsicht über ihn; gepflegt wird er von dem Gärtner Lenné5, der in Paris studiert und bei Thouin Unterricht genommen hat. Einteilung und Pflege des Gartens zeugen von viel Verstand und viel Sorgfalt; er ist reich 69 an exotischen Pflanzen. Bei der Anordnung der Pflanzen hat man das System Linnés befolgt, jedoch für den Anbau Bäume, Sträucher und Kräuter voneinander getrennt. Dieselbe Anordnung ist in mehreren neuen botanischen Gärten eingeführt worden; man vermeidet so das Nebeneinander von Dingen, die auf den ersten Blick allzu ungleichartig sind, etwa einer Brennnessel und eines Maulbeerbaums. Der Anbau gedeiht besser, wenn niedrige Pflanzen nicht durch die Zweige eines dicht belaubten Baumes der Luft und des Lichts beraubt werden. Die einheimischen Bäume und die fremden Bäume ähnlicher Art hat man in zwei parallelen Reihen aufgestellt, damit man sie leichter vergleichen kann. Die Namen der Pflanzen stehen wie üblich auf kleinen Täfelchen; um aber die Heilpflanzen auf den ersten Blick kenntlich zu machen, sind ihre Namen in roten Buchstaben geschrieben. Der 70 Garten besitzt eine lebendige Quelle; man hat ihre Fassung mit einer Grotte geschmückt und als Gegenstück Felsen zusammengetragen, zwischen denen Alpenpflanzen wachsen. Ein Teil der Pflanzen des botanischen Gartens stammt aus dem Garten des Kurfürsten, von dem noch schöne Reste bestehen, die der Gärtner Lenné pflegt. Dort habe ich den Fehler bemerkt, in den man verfällt, wenn man die Natur über eine gewisse Grenze hinaus zwingen will. In einer Laune wollte man Orangenbäume am Spalier haben. Unmöglich, ihre Kübel wegzunehmen, um sie an die Mauer zu setzen; unmöglich, ihre Äste so auszubreiten, dass sie sich über eine Fläche von einiger Ausdehnung ziehen. Man hat den Baum vorn und hinten gestutzt und gesagt: Da habt ihr Spalierorangen. Keineswegs – es sind zwölf schöne Orangenbäume, die man verdorben hat, um 71 zwölf Bäume von kläglicher Gestalt daraus zu machen.

Bonn hat überdies vor Koblenz und allen Städten dieser Gegenden zwei weitere Vorzüge von hohem Wert: ein außerordentlich fruchtbares Gebiet und eine Lage, die im Ganzen wie im Einzelnen einen einzigartigen Anblick bietet. Der Grundbesitz ist dort stark zersplittert, die Böden sind sehr ertragreich, der Anbau ist rege. Die Gegend ist so, wie die Einbildungskraft sich gern Zauberorte ausmalt. Der schöne Strom des Rheins bewässert Felder von unerschöpflicher Fruchtbarkeit. Der Palast des Fürsten, sein Lustschloss in Poppelsdorf, die Kirche auf dem Kreuzberg, die sich auf dem Gipfel eines Berges jenseits von Poppelsdorf erhebt, eine alte Burg auf dem Berg, den man Godesberg nennt, im Tal geheimnisvolle Wälder und Brunnen – all das gibt dieser ganzen Umgebung eine Seele. Auf der anderen Seite 72 des Rheins erheben sich majestätisch die Sieben Berge, auf deren jedem ebenso viele Herren Türme errichtet hatten, um ihre Herrschaft zu sichern. Wenn das Wort romantisch glücklich erfunden worden ist, dann, um eine so entzückende Gegend zu bezeichnen.

Wie anregend ist es, die Geschichten zu hören, die ein Spaziergang ganz von selbst mit sich bringt! Von einer Bastion des kurfürstlichen Gartens [dem Alten Zoll] überblickt man die ganze Gegend; wenn man seine Gärten durchwandert, erfährt man, wie einst der Ruhm eines großen Herrn darin bestand, bis aufs Äußerste gegen seinesgleichen zu kämpfen, seine Vasallen zu bedrücken und die Reisenden auszuplündern; wie dann überlegene Geister begriffen, dass man sich über seinesgleichen nur erhebt, indem man zu ihrem Glück beiträgt; wie danach schwächere Geister, ihres Reichtums überdrüssig, überdrüssig 73 ihres Daseins, sich mit Kinderspielen zerstreuten, indem sie Schlösser bauten und Muschelsäle anlegten; wie schließlich Männer von gewöhnlichem Verstand, aber von guten Ratgebern geleitet, weise regiert und ihre Untertanen ein friedliches Glück haben genießen lassen. Auf dem Kreuzberg erfährt man die Geschichten des Aberglaubens, der es zu den verdienstvollen Werken zählte, eine Marmortreppe auf den Knien hinaufzurutschen, und zu den Verfehlungen, diese Treppe durch das Aufsetzen der Füße zu entweihen. Zu beiden Seiten der Treppe war eine Seitentreppe angelegt, um zu Fuß wieder hinabzusteigen. Das verdienstvolle Werk bestand darin, die Treppe auf den Knien hinauf-, nicht aber hinabzusteigen; so hatten es die Patres eingerichtet. Schöne Alleen, die zu einer hübschen, viel besuchten Ausflugswirtschaft führen, bringen Erzählungen mit sich – nicht jene heiteren Geschichten aus der 74 Provence oder aus Italien: Prometheus hat seine Fackel nicht an den Ufern des Rheins geschwungen –, sondern Berichte von großen Heldentaten, zentnerweise Tabak in Rauch aufgehen zu lassen und Bier maßweise zu leeren. In abgelegenen Alleen, bei den Brunnen, erzählt man von den Zusammenkünften der jungen Mädchen, die kommen, um Wasser zu schöpfen und mit ihren Gefährtinnen zu plaudern; von ihrem gemessenen Schritt, wenn sie den Dorfpfarrer erblicken, der am Abend eines schönen Tages spazieren geht; von der Ehrerbietung, mit der sie ihn um Erlaubnis bitten, seine gesegnete Hand an ihre unschuldigen Lippen führen zu dürfen. Man kehrt heim, den Kopf voll mannigfacher Gedanken; das Vergnügen der Nacht besteht darin, über die Beobachtungen nachzusinnen, die die Verschiedenheit der Orte und die Verschiedenheit der Erzählungen angehäuft haben.

In diesem schönen Land feierte man am 12. 75 Fructidor [30. August 1802], beim Nahen des Herbstes, ehe die Felder aller ihrer Reichtümer entblößt waren, bei heiterstem Wetter im Dorf Kessenich eine Kirmes. So heißen Feste, die in Deutschland, in Belgien und sogar in einigen angrenzenden Teilen unserer alten Departements wohlbekannt sind. Eine Versammlung von Menschen: Gelegenheit, die Menschen und ihre Gewohnheiten zu studieren.

Die Kirmessen sind nicht immer religiöse Feste. Neben der eigentlichen Kirmes gibt es Patronatsfeste. Bisweilen fällt die Kirmes mit dem Fest des Schutzpatrons zusammen. Es ist ein Fest für einen Marktflecken, für ein Dorf, für ein Viertel einer Stadt. Sie folgen einander von Ort zu Ort, vom Monat Messidor bis zum Ende des Brumaire [etwa Ende Juni bis Mitte November]. In den Monaten Thermidor und Fructidor sind sie 76 am häufigsten. In den Städten, oft auch in den Flecken, merkt man schon beim Näherkommen, dass Kirmes ist. Über die Straße gespannte Girlanden, Sinnbilder, Namenszüge, ja sogar Hampelmänner und Puppen, an die Girlanden geknüpft, zeigen an, dass man feiert. Ist es in einem Flecken oder Dorf, so sind alle Einwohner, wenn das Wetter es erlaubt, außerhalb ihrer Häuser: die Alten vor der Tür mit ihren Nachbarn, bei Bier und Tabak; die jungen Leute drinnen in einer Schenke, wo sie tanzen; die feine Gesellschaft, die das Stadthaus verlassen hat, um ihre Freunde in das kleine Landhaus zu führen, verbringt den Tag am Fenster, wartet den Abend ab, um durch die Straßen des Dorfes zu spazieren, und mischt sich bisweilen unter die Tanzenden. Wenn die Kirmes ihr altes 77 Ansehen noch voll genießt, darf dieser Zustand des Müßiggangs nicht weniger als acht Tage dauern; und um die Vergnügungen der Kirmes zu bestreiten, das heißt das Trinken und das Rauchen, verkauft ein Bauer notfalls seinen besten Rock und sein schönstes Hemd. In den Städten, wo die Geschäfte es gebieten, und in den Gegenden, die an das alte französische Gebiet grenzen oder zu ihm gehören, ist der Müßiggang weniger vollständig. Man geht nur zwei oder drei Tage hintereinander und am Sonntag zur Kirmes; aber wo es auch sei, der Ort, an dem Kirmes ist, wird zum Treffpunkt für alle Leute der Umgebung.

Ich will nicht in Frage stellen, ob diese Kirmessen Vergnügen bereiten: Man ginge nicht hin, wenn die Zusammenkunft nicht angenehm erschiene, sei es an sich, sei es wenigstens durch die Macht der Gewohnheit. Aber welches ist das Vergnügen, 78 das man dort genießt und mit dem man sich begnügt? Danach zu fragen, ist erlaubt.

Müßig sein, eine große Zahl Bierkrüge leeren, viel Tabak verbrennen: Das ist auf einer Kirmes das Vergnügen all derer, die nicht tanzen – ein Vergnügen, das dem gewohnten Zeitvertreib der Abende sehr ähnlich ist. Fast alle Männer, selbst viele aus einem gehobeneren Stand, verlassen gegen Mitte des Nachmittags Studierzimmer, Amtsstube, Geschäft, Gesellschaft und Familie, um drei Stunden im Estaminet [Wirtsstube] zu verbringen, inmitten des Tabakrauchs und der Bierdünste, und kehren nach Hause zurück, nicht immer betrunken, wohl aber in einem Zustand der Betäubung und Dumpfheit, der sowohl von der Menge des Getränks als auch von den dicken Dünsten herrührt, die man eingeatmet hat. Dieser Brauch ist in Deutschland und Belgien allgemein.

79 Was die jungen Leute und die Tänze betrifft, so gibt es in den Städten wie in den stadtnahen Flecken große Säle, in denen man sich im Lauf des Jahres häufig versammelt; zur Kirmes kommen sie erst recht zu ihrem Recht. Diese Säle sind geräumig, weil man außer dem Platz für die Tänze stets auch Raum für die Tische braucht, an denen man Bier trinkt. In den entlegenen Flecken und in den Dörfern gibt es solche großen Säle nicht; man versammelt sich in sehr engen Stuben voller Zuschauer. Die Musikanten können kaum die Arme frei bewegen; kaum bleibt Raum für die Schritte der Tanzenden. Das große Vergnügen beim Tanzen ist die heftige Bewegung; man rennt, man dreht sich bis zur Erschöpfung. Müde zu werden scheint das einzige Ziel zu sein, auf das man bedacht ist; und mancher Tanz, der 80 in unseren Salons den sittenstrengen Mann die Augen niederschlagen lässt, stellt ihm in Deutschland ein Rätsel ganz anderer Art: Wie kann ein überaus sinnlicher Tanz die Tanzenden kalt und unbeseelt lassen?

Ich bestreite diesen Völkern ihr Glück nicht, noch weniger beneide ich sie darum. Sobald sie sich für glücklich halten, beglückwünsche ich sie; aber es steht einem frei, diese Art von Glück nicht zu mögen. Wenn es für einen Menschen Leben heißt, jeden Tag aufzustehen und sich schlafen zu legen; mehr oder weniger friedlich mehr oder weniger zahlreiche, mehr oder weniger reichliche Mahlzeiten zu verdienen und eine große Zahl Bierkrüge, um seinen Abend zu begießen; wenn es ein Vergnügen ist, mit übergeschlagenen Beinen dazusitzen oder sich mit Laufen und Springen zu verausgaben, um die Langeweile zu vertreiben: dann haben die Völker des linken Rheinufers und 81 Belgiens vollständig gelebt, wenn man sie nach einer gewissen Anzahl von Jahren, von Bier aufgedunsen und von Tabak geräuchert, zu Grabe trägt. Wenn aber das Dasein des Menschen, sein Leben, das Leben jenes Wesens, das jemand jüngst als eine Intelligenz, die Organe hat,6 bestimmt hat, ganz in den Regungen seines Geistes und in den Empfindungen seiner Seele liegt; wenn sein Körper nicht das Ziel seiner Pläne, seines Wollens, seiner Überlegungen ist, sondern ein Gefüge von Organen, die nur insoweit Wert haben, als sie gefügige Werkzeuge seines Willens sind; mit einem Wort, wenn es keine anderen Augenblicke des Daseins gibt als jene, in denen die Seele begehrt, will, hofft oder sich erinnert; wenn selbst in der Unruhe, die die Leidenschaften erregen (ich nehme den Fall aus, dass sie bis zur Raserei gesteigert sind, was eine schwere Krankheit ist), ein sehr wirkliches, sehr fühlbares Glück darin liegt, sie zu studieren, 82 ihrem Gang zu folgen, sie zu bekämpfen; wenn es endlich selbst in Kummer und Leid ein Glück gibt, seiner Qual ins Auge zu sehen, diesen Feind Mann gegen Mann zu packen und niederzuringen: oh, wie wenig hätten dann jene ruhigen und kalten Menschen, von denen ich gesprochen habe, gelebt, selbst wenn sie ihr hundertstes Jahr zählten!

Schütteln wir die Langeweile ab, verlassen wir die deutschen Feste und betrachten wir die Völker am Rheinufer weiter bei den Studien, denen sie sich widmen. Ihr Ernst nimmt sich in einer Studierstube besser aus als in einem Estaminet oder auf einer Kirmes.

Anmerkungen

  1. Übersetzung des Herausgebers; eine maschinelle Rohübersetzung wurde vollständig überarbeitet und am französischen Original durchgesehen. ↩
  2. Fundstelle: gallica.bnf.fr. ↩
  3. Frz. électeurs. Gemeint ist das Ende der kurfürstlichen Residenzen in Bonn (Köln) und Koblenz (Trier) seit dem Einmarsch der Franzosen 1794; der letzte Kölner Kurfürst Max Franz starb 1801 im Exil. ↩
  4. Camus: „Oben, S. 29.“ ↩
  5. Camus schreibt „Lenée“, gemeint ist Peter Joseph Lenné d. Ä. (1756–1821), Hofgärtner in Bonn, Vater des Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné. Den Naturkundler Crevelt schreibt Camus „Crewelt“. ↩
  6. Anspielung auf Louis de Bonald, der den Menschen als „une intelligence servie par des organes“ bestimmt hatte (Législation primitive, 1802). ↩

Seitenzahlen der Vorlage stehen in ‹spitzen Klammern› im Text; Ergänzungen des Herausgebers in [eckigen Klammern].