Chlodwig und die Schlacht bei Zülpich
Auf der Wollersheimer Heide, wenige Kilometer westlich von Zülpich, trafen im Jahre 496 nach Christus die feindlichen Heere der Franken und der Alemannen aufeinander. Und – so ist die landläufige Meinung – weil der Frankenkönig in der Schlacht in arge Bedrängnis geriet, gelobte er, sich taufen zu lassen, wenn er doch noch den Sieg davontragen sollte; so wurde das Frankenreich christianisiert. Die Franzosen setzten 1811 noch eins drauf: Der Sieg ihres Chlodwig bei Zülpich war die Geburtsstunde der „Grande Nation“.
Es sind jedoch Zweifel angebracht, ob diese Zusammenhänge zutreffen. Hauptquelle für die genannten Vorgänge sind die „Zehn Bücher Geschichten“ des Bischofs Gregor von Tours (um 538–594). Darin heißt es:
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Regina vero non cessabat praedicare, ut Deum verum cognusceret et idola neglegerit. Sed nullo modo ad haec credenda poterat commoveri, donec tandem aliquando bellum contra Alamannos conmoveretur, in quo conpulsus est confiteri necessitate, quod prius voluntate negaverat. Factum est autem, ut confligente utroque exercitu vehementer caederentur, atque exercitus Chlodovechi valde ad internitionem ruere coepit. Quod ille videns, elevatis ad caelum oculis, conpunctus corde, commotus in lacrimis, ait: „Iesu Christi, quem Chrotchildis praedicat esse filium Dei vivi, qui dare auxilium laborantibus victuriamque in te sperantibus tribuere diceris, tuae opis gloriam devotus efflagito, ut, si mihi victuriam super hos hostes indulseris et expertus fuero illam virtutem, quam de te populus tuo nomine dicatus probasse se praedicat, credam tibi et in nomine tuo baptizer. Invocavi enim deos meos, sed, ut experior, elongati sunt ab auxilio meo […]“. Cumque haec dicerit, Alamanni terga vertentes, in fugam labi coeperunt. Cumque regem suum cernirent interemptum, Chlodovechi se ditionibus subdunt […] [Actum anno 15. regni sui.] Hist. II, 30 |
Die Königin [Chrodechild / Chrothildis, um 474–544] hörte nicht auf zu mahnen, den wahren Gott anzuerkennen und die Götzenbilder zu verschmähen. Aber er konnte nicht zum Glauben bewegt werden, bis er schließlich in dem/einem Krieg gegen die Alemannen umgestimmt wurde, wobei er durch die Notlage zum Bekenntnis bewegt wurde, das er vorher aus freien Stücken verweigert hatte. Als die beiden Heere aufeinandertrafen, setzte ein gewaltiges Töten ein, und dem Heer des Chlodwig drohte die Vernichtung. Als jener das sah, hob er die Augen zum Himmel und sprach unter Tränen: „Jesus Christus, von dem Chrothildis sagt, du seiest der Sohn des lebendigen Gottes, der – so heißt es – den Bedrängten Hilfe bringt und den Sieg denjenigen, die auf dich hoffen, ich erbitte demütig deine Macht; wenn du mir den Sieg über diese Feinde gewährst und ich jene Kraft erfahre, die das deinem Namen geweihte Volk erlebt zu haben sich rühmt, werde ich an dich glauben und mich in deinem Namen taufen lassen. Ich habe nämlich meine Götter angerufen, aber – wie ich feststelle – sie haben sich von mir entfernt […]“ Als er dies gesagt hatte, wandten sich die Alemannen um und begannen zu fliehen; und als sie feststellten, dass ihr König gefallen war, ergaben sie sich Chlodwig […] [Geschehen im 15. Jahr seiner Herrschaft.] |
Die Parallele zur Hinwendung des Kaisers Konstantin zum Christentum ist verblüffend: Auch er soll sich im Jahre 312 nach Christus in einer kritischen Situation – vor der Schlacht an der Milvischen Brücke – dem Christengott anvertraut und daraufhin gesiegt haben; getauft wurde er allerdings erst 337 auf dem Sterbebett. Dazu unten mehr.
Gregor legt dem um Hilfe rufenden heidnischen Chlodwig mehrere christliche Wendungen in den Mund, die dieser kaum benutzt haben dürfte (im lateinischen Text unterstrichen): deus vivus, in te sperare (Psalm 70: in te, domine, speravi; deus, ne elongeris a me), in nomine tuo (vgl. die Taufformel: Ego te baptizo in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti). Selbstverständlich hat Gregor nach antiker Manier wörtliche Reden frei formuliert, hier eben in christlicher Diktion; deswegen muss man nicht gleich die Authentizität anzweifeln. Ebenso denkbar ist aber, dass Gregor den Anstoß zur Taufe frei nach Konstantin erfunden hat; die wichtigste Zeitzeugin, Chrodechild, hat er nicht mehr erlebt. Ihre Rolle wird in diesem Abschnitt heruntergespielt, und die des Bischofs von Reims, Remigius, wird überhaupt nicht erwähnt.
Es fehlen in Gregors Bericht der Ort und das Jahr der Schlacht; nur ein späterer Zusatz datiert das Ereignis auf das 15. Jahr seiner Herrschaft. Erst sieben Kapitel später schreibt Gregor gleichsam in einem Nebensatz:
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Hic Sygiberthus pugnans contra Alamannos apud Tulbiacensim oppidum percussus in genuculum claudicabat. Hist. II, 37; Faksimile in (Runde, 1996), S. 75 |
Dieser Sigibert hinkte, weil er in dem/einem Kampf gegen die Alemannen bei der Siedlung Zülpich am Knie verwundet worden war. |
Sollte Gregor im ersten Text tatsächlich den Ort der mutmaßlichen Entscheidungsschlacht für unwichtig gehalten haben, im zweiten Text das Jahr? Franken und Alemannen haben sich zumindest zweimal gegenübergestanden: 496/97 und 506 nach Christus (van den Broeck, 1968; Geuenich, 1996). Und im ersten Text wird der gefallene König nicht genannt: War auch er ein unwichtiger „Unter“-König, einer von mehreren (Geuenich, 1996)?
Zweifelsohne hat es bei Zülpich eine Schlacht zwischen Franken und Alemannen gegeben, entweder 496 oder 506; und die Alemannen sind auf der alten Römerstraße von Trier aus vorgestoßen. Flurnamen in der Umgebung von Zülpich können als Hinweis auf die Schlacht dienen: „im König“, „im Streit“, „Martertal“ (Broix, 1842). Aber die Kausalkette Zülpich – 496 – Alemannen – Taufe ist eine Erfindung Gregors. Dem verstorbenen Bonner Altmeister der Merowinger-Forschung, Eugen Ewig, ist nicht zuzustimmen, wenn er noch 2006 schreibt, Gregors Darstellung sei „oft, aber zu Unrecht angezweifelt“ worden (Ewig, 2006).
Wenn es in diesen Jahren eine Entscheidung gab, dann die Entscheidung Chlodwigs für das Christentum (Geuenich, 1996). Die Taufe konnte – in Gregors Augen – einfach nicht auf den Einfluss der Königin zurückzuführen sein; es mussten ein heroischer Moment und dazu noch ein monumentales Vorbild – Konstantin – herhalten. Deshalb inszeniert er dieses Verwirrspiel um Ort und Zeit.
Die französische Sicht von 1811
Die Franzosen hatten übrigens ihre eigene Sichtweise der Schlacht von Zülpich. 1811 ließ das Institut de France auf Veranlassung Napoleons in Zülpich, das damals zum Département de la Roer (Rur-Departement) gehörte, zwei Tafeln in der Peterkirche anbringen (Fotografien bei van den Broeck, 1968):
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Hic – ut fama loci est – sacris primum intinctus undis Clodoveus, de Germanis victor, votum solvit merito A[nno] CCCCLXXXXVI |
Hier – so geht die örtliche Sage – wurde Chlodwig, der Sieger über die Germanen, zum ersten Mal in die heiligen Wellen getaucht. Er hat das Gelübde nach Gebühr eingelöst. im Jahr 496 |
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Tolbiacum Clodovei victoria insigne, Francorum fortuna et imperi[i] incunabula |
Zülpich, durch den Sieg Chlodwigs berühmt, das Glück der Franken und die Wiege des Reiches |
Literaturverzeichnis
Texte Gregors in: Historiarum Francorum libri X (lateinisches Wikisource, abgerufen am 3.4.2011)
- Broix, Gottfried (1842): Erinnerungen an das alte berühmte Zülpich. Neuss.
- Ewig, Eugen (2006): Die Merowinger und das Frankenreich. 5. Aufl., Stuttgart.
- Geuenich, Dieter (1996): Chlodwigs Alemannenschlacht(en). In: Chlodwig und die „Schlacht bei Zülpich“. Geschichte und Mythos 496–1996. Euskirchen, S. 55 ff.
- Jänichen, Hans (1968): Alemannen. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 2. Aufl. Berlin: de Gruyter.
- Runde, Ingo (1996): Daten und Fakten zur Geschichte der Franken und Alemannen. In: Chlodwig und die „Schlacht bei Zülpich“. Geschichte und Mythos 496–1996. Euskirchen, S. 61 ff.
- van den Broeck, Heribert (1968): 2000 Jahre Zülpich. Zülpich.