Folge 7: 21.April 1933

 

[Leserbrief]

 

In Schutzhaft landen auch zwei Troisdorfer, die mit den "gemeingefährlichen Bestrebungen" von SPD oder KPD nichts zu schaffen haben; ihre Schutzhaft ist allerdings auch - wenn man den amtlichen Verlautbarungen glaubt - eine tatsächliche "Schutz"-Haft.

Amandus Hagen, Zementfabrikant, Bauunternehmer und Beigeordneter in einer Person, schreibt einen Leserbrief, der am 24.April 1933 im "Anzeiger für Troisdorf [...] und Umgegend" (Verleger Alex Möller) erscheint. Darin verwahrt sich Hagen gegen einen am 21.April im „Westdeutschen Beobachter“, der NS-Zeitung, abgedruckten Artikel mit der Überschrift "Klüngel und Korruption". Hagen schliesst den - ansonsten faden - Leserbrief mit den Sätzen:

 

Es ist sehr bedauerlich, wenn Zeitungen solche Vorwürfe und Unwahrheiten von jedwedem Denunzianten in die Oeffentlichkeit bringen, und ich muss es jedem rechtlich denkenden Menschen überlassen, sich hierüber eine eigene Meinung zu bilden.

Im übrigen bemerke ich, dass mein Unternehmen sowie meine politische Einstellung anerkannterweise stets einwandfrei waren, auch zu der Zeit, in der sich andere Elemente separatistisch betätigt haben.

[gez.] Amandus Hagen

 

Das bleibt nicht ohne Folgen: Bürgermeister Langen und Staatskommissar Heinz Naas (NSDAP) werden aktiv; Langen schreibt dem Landrat einen Brief, Naas fährt nach Siegburg und spricht mit Regierungsassessor Thiel. Langen schreibt:

 

Der Artikel ist m[einer] A[nsicht] nach geeignet und dazu angetan, in der Öffentlichkeit unliebsame Diskussionen usw. hervorzurufen. Ich bitte dortseits um Entscheidung, ob und evtl. welche Massnahmen gegen den Zeitungsverleger zu ergreifen sind.

 

Wohlgemerkt: Langen fragt nach "Massnahmen" nur gegen Möller. In Siegburg malt Naas ein düsteres Bild: Die Brüder Be., die sich von Hagens letztem Satz angesprochen fühlten, hätten "gedroht, sich an Hagen und Möller vergreifen zu wollen." Die Be. hatten auch ein Baugeschäft, beide Söhne waren in der Partei bzw. SS. Mit dem letzten Satz spielt Hagen auf die separatistischen Aktivitäten bis 1923 an, als im ganzen Rheinland, bis hinauf in die Pfalz, eine kleine Minderheit von lokalen Politikern eine Loslösung von Preussen betrieb.

 

Landrat Buttlar lehnt zunächst eine Schutzhaft ab, lässt sich dann aber von Naas umstimmen. Auch Bürgermeister Langen scheint am Telefon irgendwann umgeschwenkt zu sein, auch er hält jetzt Schutzhaft "für geboten". Naas hat nämlich kategorisch erklärt, "persönlich keine Gewähr für die Sicherheit der beiden Personen übernehmen zu können." Und dennoch: Buttlar ist die Sache nicht geheuer: Die erste Formulierung ("verfüge ich [...] polizeiliche Verwahrung") lässt er abschwächen ("stelle ich anheim"). Ausserdem befristet er die mögliche Schutzhaft auf den 29.April.

An diesem Tag kommt ein Anruf vom Regierungspräsidenten in Köln beim Landrat an, Hagen und Möller zu entlassen; um 9.30 Uhr sind sie nicht mehr in "Schutz"-Haft.