August Macke

am 02. August 1914 zum Kriegsdienst gezogen

Zunächst unmittelbare zeitgenössische Materialien 

1914  08 01 (Sonntag) - August an seine Mutter Florentine in Kandern 

1914 08 02 - Auszug aus der Schulchronik der katholischen Schule Bergheim (Rhein-Sieg-Kreis)

1914 08 07 - Ein Photo aus den Beständen des Bundesarchivs 

Eine Eintragung von Max Ernst in seinen biographischen Notizen:

Dann unmittelbare zeitversetzte Materialien 

Elisabeth Mackes Passagen aus den Erinnerungen

Die erste zentrales Passage 

Die zweite zentrale Passage 

Ferner mittelbare zeitgenössische Materialien 

1914 08 Anfang - August an Bernhard Koehler 

1914 08 12 - August an Lisbeth, Mutter und Großmutter, aus Niedermerzig (Luxemburg)

1914 08 13 - August an Lisbeth 

1914 08 17 - August an Lisbeth aus Niedermerzig 

1914 08 23 - August an Lisbeth 

1914 08 24 – August an Lisbeth aus Charière-sur-Semois 

1914 08 26 – August an die Lieben 

1914 09 04 – Walter Gerhardt an seine Schwester Elisabeth 

1914 09 09 – August an Lisbeth aus Perthes 

1914 09 11 – August an Lisbeth aus Luxemont

19148 09 11 – August an Bernhard Koehler aus Luxemont

1914 09 21 – August an Hans Thuar 

1914 09 21 – August an Lisbeth aus Somme-Pié 

1914 09 14 - Elisabeth Macke an Maria Marc 

Wiederum Elisabeth über Augusts Tunis-Reise 

Die Auslandsreisen Augusts und Elisabeths 

Literaturverzeichnis - eine Auswahl

Anhang 

  Durch die Medien (weniger durch die Fachliteratur[1]) und vor allem das Internet geistert die Behauptung, August Macke[2] habe sich 1914 freiwillig an die Front gemeldet. Es existiert offensichtlich kein Dokument, das ausdrücklich beinhaltet, daß sich August Macke im August 1914 freiwillig zum Militär gemeldet hat, aber einige Materiaien, die indirekt aussagen, daß er gezogen wurde.

Zunächst unmittelbare zeitgenössische Materialien

1914  08 01 (Sonntag) - August an seine Mutter Florentine in Kandern[3]

Ich muß morgen, Montag, eintreten, am Freitag rücken wir wahrscheinlich ab. […] Ja, ihr Lieben, jetzt erleben wir etwas. Aber wir wollen die Kerle schon vermöbeln. Lisbeth ist sehr mutig, was mir große Beruhigung ist.

1914 08 02 - Auszug aus der Schulchronik der katholischen Schule Bergheim (Rhein-Sieg-Kreis)[4]

August 1. Krieg! Nähere Ursache [ist] die Ermordung des österreichischen Kronprinzen zu Sarajewo. Österreich erklärt an Serbien, das nicht volle Genugtuung leisten will, den Krieg (28.7.) [usw.] Das Gefühl der Ungewißheit ist fast kaum zu ertragen, da ertönt Samstag Abend gegen 7 Uhr die Gemeindeschelle und der Flurhüter verkündigt den Mobilmachungsfall. Erster Mobilmachungstag der 2. August. Schon an demselben Abend stellte sich mein zweiter Sohn, der hier auf Urlaub weilte, dem Bezirkskommando zu Siegburg. […] 

August 2. Heute morgen in aller Frühe verkündigt der Flurhüter die Einberufung des Landsturms […]

1914 08 07 - Ein Photo aus den Beständen des Bundesarchivs

Von diesem Tag ist das Photo[5] datiert, das im Besitz des Bundesarchivs ist: Es zeigt – wenn die Beschriftung zutrifft – Soldaten des 160. Infanterie-Regiments (=9. Rheinisches), die feldmarschmässig durch eine Strasse marschieren – theoretisch könnte auch August Macke einer der abgebildeten Soldaten sein.

 

Eine Eintragung von Max Ernst in seinen biographischen Notizen[6]:

August 1914

Und dann die große Schweinerei. Niemand aus dem Freundeskreis hat’s eilig, sein Leben zu opfern für Gott, König und Vaterland. […] Die Haltung Mackes bleibt den Freunden vom Jungen Rheinland unbegreiflich.

Dann unmittelbare zeitversetzte Materialien

Elisabeth Mackes Passagen aus den Erinnerungen.

Sie schreibt, sie habe

mit diesen Aufzeichnungen, die ich im Jahre 1915 begonnen habe, […] den Versuch [gemacht], meinen beiden Söhnen eine Bild ihres Vaters zu bewahren.[7]

Damit können ihre Aussagen über August Macke nahe an die historischen Ereignisse heranreichen; andererseits muß bedacht werden, daß Elisabeth ihren Kindern ein positives Bild ihres Vaters vermitteln will – Schönfärberei oder Auslassungen sind theoretisch nicht ausgeschlossen, können aber m. E. in ihrem Buch nicht nachgewiesen werden.

 

Die erste zentrales Passage

Schon am 1. August wurde er eingezogen als Unteroffizier, und wenige Tage später rückte er mit dem Regiment ins Feld.[8]

 

Hier irrt Elisabeth leicht im Datum: die Mobilmachung wurde am 01. August verkündet, der erste Mobilmachungstag war reichsweit Montag, der 02. August.

Die Mobilmachung wurde durch Plakate und Zeitungsartikel verbreitet, in den Orten wurde der Mobilmachungsbefehl, der an die Gemeinden telegraphisch[9]durchgegeben worden war, „ortsüblich“ bekannt gegeben, d.h. unter Umständen, dass der Gemeindediener mit der Schelle durch die Strassen lief und den Befehl durch Ausruf verkündete. Jeder Reservist hatte in seinem Militärpass die sogenannte „Kriegs-Beorderung“[10]: darin war ihm am Ende seines Militärdienstes eingetragen worden, wo genau und wann genau er sich im Kriegsfalle zu melden hatte. Eine individuelle Benachrichtigung – z.B. durch Post - entfiel. Am 07. August, dem letzten Mobilmachungstag im Deutschen Reich, waren 3.822.450 Männer erfasst und einsatzbereit.

Die ca. 1 Million Kriegsfreiwilligen, die sich in den ersten Tagen meldeten, wurden erst später, teilweise erst im Januar 1915 eingezogen, sie kamen in die nach Abschluß der planmässigen Mobilmachung neu errichteten Feldtruppen.

 

Die zweite zentrale Passage

An dem letzten Abend, als wir von ihr [=Elisabeths Mutter] zurückkamen und August die Haustür aufschloss, sagt er zu [seinem Jugendfreund] Lothar [Erdmann]: »Also, ich vermache dir die Lisbeth, die Kinder und alles.« Ich, darüber entsetzt, erwiderte, um diesem Ausspruch den Ernst zu nehmen: »Aber du weißt ja gar nicht, ob ihm das recht ist […]«[11]

Ferner mittelbare zeitgenössische Materialien

1914 08 Anfang - August an Bernhard Koehler[12]

Junge, Junge, jetzt wird aber reingehauen. Hoffen wir, daß wir den alten Kriegern gefallen, und daß wir uns noch einmal wiedersehen. Dein August

1914 08 12 - August an Lisbeth, Mutter und Großmutter, aus Niedermerzig (Luxemburg)

Ich befinde mich sehr wohl. Wir liegen in einem großen Bauernhof. (liegen in der Sonne, baden, fangen Fische.) Die französischen Civilisten sollen noch schlimmer sein wie die Soldaten und immer aus den Fenstern schiessen. […] Um mich sorgt euch nicht. Einstweilen gefällt es mir recht gut.

1914 08 13 - August an Lisbeth

(Auf der Wiese mit Hurra-Schreien die Kühe verjagen.) Ich habe noch nie ein derartig feines Leben geführt. Morgens baden im Bach. Auf der Wiese herumliegen. Wir wünschen alle, es ginge weiter.

1914 08 17 - August an Lisbeth aus Niedermerzig

Jetzt sind wir schon acht Tage hier und glaubten, bloß einen Tag auf dem Durchmarsch zu sein. […] Im allgemeinen ist die Stimmung jetzt eine richtige nasse Manöverstimmung. Vom Krieg merkt man nicht viel. […] Aber wenn ich an die Kinder denke, dann packt mich immer eine wilde Verzweiflung, daß ich die nicht wiedersehen sollte. Ich will Dir, liebes Lieselchen, das Herz nicht schwer machen, das weißt du. Es ist ja nur Egoismus, wenn ich den Schmerz darüber empfinde, daß mir der Anblick der Kinder entrissen werden könnte.

1914 08 23 - August an Lisbeth

Diese Nacht haben wir ein schauderhaftes Nachtgefecht in einem Dorf [=Porcheresse, Belgien] gehabt, haben zwei französische Infanterieregimenter da hinausgeschmissen, viele Tote und Verwundete. Es war schauerlich. Ich bin wohl und grüße euch herzlich. August

1914 08 24 – August an Lisbeth aus Charière-sur-Semois

(Walter neben mir.)

1914 08 26 – August an die Lieben

Wir sind kurz vor Mézières, einer französischen Festung. […] Die Franzosen sind in wilder Flucht. Sie ziehen durch die Dörfer vor uns her und schreien «Sauve qui peut.» Ich glaube, Lothar [Erdmann[13]] hat nicht mehr viel zu tun. Euer August

1914 09 04 – Walter Gerhardt an seine Schwester Elisabeth[14]

Bei einem kurzen Halt ohne Schatten überholten uns die 160er. Ich ging ein Stück mit August. Er war schwarz von Staub im Gesicht und war zum ersten mal traurig, nicht lachend, wie sonst immer. Er sah  mich immerfort durchdringend an, dann gab er mir die Hand und ließ sie gar nicht mehr los. Ich sagte: „Was ist dir heute? Du bist so anders.“ Er griff in die Tasche und wollte mir einen Pack Briefe aufdrängen. „Was soll das? Es sind doch Briefe an Dich?“ „ Ich brauche sie doch nicht mehr.“ Dann ließ er mich aus, und drehte sich noch einmal um und winkte, ohne noch ein Wort zu sagen.

1914 09 09 – August an Lisbeth aus Perthes

Es ist alles so grauenhaft, daß ich Dir nichts darüber schreiben mag.

1914 09 11 – August an Lisbeth aus Luxemont

Es ist alles sehr grausig.

1914 09 11 – August an Bernhard Koehler aus Luxemont

Ich würde es als ein unerhörtes Glück betrachten, wenn ich aus diesem Krieg zurückkäme.

1914 09 21 – August an Hans Thuar[15]

(von 250 Mann nur noch 59 am Leben.)

1914 09 21 – August an Lisbeth aus Somme-Pié

(Mitleid mit den verwundeten Franzosen, jetzt wieder 150 Mann)

1914 09 14 - Elisabeth Macke an Maria Marc[16]

Wo bleibt denn da die Menschlichkeit, wonach seit Jahren überall so gestrebt wurde?

Wiederum Elisabeth über Augusts Tunis-Reise

Was ihn sehr beschäftigte und ihn immer wieder ernst stimmte, war [im April 1914] die Begegnung mit französischen Offizieren in Tunis (Klee berichtet darüber), die in ihren Gesprächen einen baldigen Krieg mit Deutschland für möglich hielten.[17]

Die Auslandsreisen Augusts und Elisabeths

Die beiden sind zwischen 1907 und 1914 wiederholt ins europäische Ausland gereist (Italien, Schweiz, Frankreich) der Kunst wegen; von Herbst 1913 bis Frühjahr 1914 hat die ganze Familie Macke im schweizerischen Hilterfingen am Thuner See gewohnt; und dann ist August 1914 mit Paul Klee und Louis Moilliet nach Tunesien gereist. Jedes Bild – sei es in Deutschland oder in der Fremde entstanden – zeigt warme und neugierige Empathie für die abgebildeten Menschen. Aus keiner Silbe in Elisabeths Erinnerungen sprechen Verachtung oder Abscheu gegen Ausländer oder Haß auf Franzosen.


Literaturverzeichnis - eine Auswahl

Adolphs/Hoberg (Hrsg.). (2014). August Macke und Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft. Ostfildern: Hatje Cantz.

August-Macke-Haus (Hrsg.). (1993). Die Rheinischen Expressionisten 1913. Bonn.

August-Macke-Haus, V. (2011). August-Macke-Haus. Von august-macke-haus.de: http://www.august-macke-haus.de abgerufen

Bezirkskommando Breslau. (01. April 1914). Kriegs-Beorderung Hermann Badt. (2002/31/5). Jüdisches Museum Berlin.

Erdmann-Macke, E. (2004). Erinnerungen an August Macke, 14. Auflage. Frankfurt/Main: Fischer.

Erdmann-Macke, E. (2009). Begegnungen. (Jochimsen/Reinhardt, Hrsg.) Bonn: Kerber.

Frese/Güse (Hrsg.). (1987). August Macke. Briefe an Elisabeth und die Freunde. München: Bruckmann.

Grais, G. H. (1904). Heer und Kriegsflotte, I. Allgemeine Bestimmungen. Berlin/Heidelberg: Springer.

Heidenreich, U. (2008). August Macke. Der hellste und reinste Klang der Farbe. Ostfildern: Hatje Cantz.

Kunstmuseum Bonn (Hrsg.). (1991). August Macke und die rheinischen Expressionisten im Kunstmuseum Bonn. Bonn.

Linzbach, P. (2009). Begenung mit August Macke in Frankreich 1914. In I. Ewers-Schulz, August Macke ganz privat. Eine Reise durch das Leben von August Macke (S. 131). Wienand.

Macke, A. (1987). Briefe an Elisabeth und die Freunde. München: Bruckmann.

Macke, W. (Hrsg.). (1964). August Macke. Franz Marc. Briefwechsel. Köln: DuMont Schauberg.

Max Ernst. Ausstellungskatalog 1962. (1963). Köln: Bachem.

Pohlmann, A. (2006). August Macke. Biographie, 3. Auflage. (Verein August Macke Haus, Hrsg.) Bonn.

Rahne, H. (1983). Mobilmachung. militärische Mobilmachungsplanung und -technik in Preussen und im Deutschen Reich. Berlin (DDR).

Schoeller, W. F. (2016). Franz Marc. Hanser.

  Anhang

ermekeil 

Abbildung 1: Soldaten der Ermekeil-Kaserne am 07.08.1914

(Bundesarchiv)

 

kriesgbeorderung 

Abbildung 2: Kriegs-Beorderung für Hermann Badt (1887-1946), Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Dr. Yehiel Ilsar, mit freundlicher Genehmigung

 

mobilmachung 

Abbildung 3: Telegramm Mobilmachung

Kreisarchiv Märkisch-Oberland, mit freundlicher Genehmigung.

 



[1] Siehe das Literaturverzeichnis.

[2] Ähnliches gilt für Franz Marc, siehe (Schoeller, 2016) und FAZ vom 05.03.2016.

[3] Augusts Briefe nach (Frese/Güse, 1987, S. 325-335).

[4] Fundstelle: Archiv der Stadt Troisdorf (Rhein-Sieg-Kreis).

[5] Siehe Abbildung 1.

[6] (Max Ernst. Ausstellungskatalog 1962, 1963, S. 24).

[7] (Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, 14. Auflage, 2004, S. 25).

[8] (Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, 14. Auflage, 2004, S. 319).

[9] Siehe Abbildung 3.

[10] Siehe Abbildung 2.

[11] (Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, 14. Auflage, 2004, S. 320).

[12]  = Elisabeths Onkel.

[13] = Augusts Schulfreund.

[14] (Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, 14. Auflage, 2004, S. 322).

[15] = August Freund aus Kindertagen.

[16] (Macke W. , 1964, S. 189 f).

[17] (Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, 14. Auflage, 2004, S. 315).

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